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15. September 2026

Der Kippmoment

Der Kippmoment

Als Kind wollte ich Jurist werden. Später hätte ich gerne Motoren entwickelt. Technik hat mich schon immer interessiert, Autos bis heute. Mein tatsächlicher Berufsweg sah anders aus.

Ich begann eine Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer, obwohl ich eigentlich Bankkaufmann werden wollte. Den Vertrag für die handwerkliche Ausbildung hatte ich bereits unterschrieben, als die Volksbank sich ebenfalls meldete. Dass man einen Ausbildungsvertrag vor Beginn auch wieder auflösen kann, kam mir damals nicht in den Sinn.

Nach anderthalb Jahren beendete ich die Ausbildung. Danach arbeitete ich unter anderem in einer Spielhalle, in einer Industrielackiererei, bei der Post, bei UPS und später in anderen Bereichen. Manche dieser Arbeiten mochte ich. Andere weniger.

Was mir lange fehlte, war eine Antwort auf eine scheinbar einfache Frage: Was will ich eigentlich beruflich machen?

Eine Frage kann sehr vernünftig klingen

An dieser Frage war nichts offensichtlich falsch. Menschen brauchen Arbeit. Berufe haben Namen. Man bewirbt sich auf eine Stelle, lernt etwas und verdient damit seinen Lebensunterhalt. Wenn jemand beruflich nicht angekommen ist, liegt die Frage nach dem passenden Beruf ziemlich nahe.

Also dachte ich lange in genau diesen Kategorien. Vielleicht müsste ich etwas Technisches machen. Vielleicht etwas Kaufmännisches. Später kam die Idee hinzu, Verwaltungsfachangestellter zu werden. Nach meiner Krise und der langen Krankheitszeit bekam ich schließlich die Möglichkeit zu einer Umschulung. Eine Bekannte brachte mich auf die IT, und ich entschied mich für den Informatikkaufmann.

Das passte gut zu mir. Kaufmännisch und technisch, nicht zu eng festgelegt. Mit ungefähr vierzig Jahren saß ich schließlich bei der IHK München im überdachten Lichthof zwischen überwiegend Achtzehn-, Neunzehn- und Zwanzigjährigen und schrieb meine Abschlussprüfung. Zum ersten Mal hatte ich einen Berufsabschluss, den ich mir selbst ausgesucht hatte.

Eigentlich hätte die alte Frage damit beantwortet sein können. War sie aber nicht.

Wenn eine richtige Antwort die Frage nicht erledigt

Nach der Umschulung arbeitete ich drei Jahre als IT-Koordinator beim Bayerischen Roten Kreuz. Die Arbeit war vielfältig, ich hatte viel Gestaltungsspielraum und fühlte mich in der Organisation grundsätzlich wohl. Später wechselte ich in den Vertrieb.

Auch dort gab es kein offensichtliches Desaster. Ich konnte verkaufen. Ich arbeitete mit Kunden, löste Probleme und hatte mir einiges über Vertrieb beigebracht. Trotzdem blieb etwas offen.

Bei meiner heutigen Arbeit geht es um Drucker und Multifunktionsgeräte. Das ist ein Bereich, in dem ich arbeiten kann. Es ist nur kein Thema, mit dem ich mich besonders gern den Rest meines Lebens beschäftigen möchte.

Lange hätte ich daraus vermutlich die nächste Berufsfrage gemacht: Welcher Job passt besser? Welche Branche wäre interessanter? Welche Stelle bietet mehr Entwicklung?

Irgendwann verschob sich etwas.

Vielleicht war der Beruf nie die ganze Frage

Ich höre Menschen gern zu. Das war schon in meiner Jugend so, später bei Kollegen und Freunden und heute auch bei Menschen, die ich gerade erst kennengelernt habe.

Besonders interessant werden Gespräche für mich dort, wo jemand beim Erzählen selbst ins Nachdenken kommt. Wenn ein Satz fällt wie: „So richtig verstanden habe ich das nie.“ Dann beginne ich ebenfalls genauer hinzusehen. Was fehlt in der Geschichte? Wie könnte eine andere Perspektive aussehen? Welche Verbindung ist vielleicht noch nicht sichtbar?

Das hatte ich jahrelang getan, ohne es als Beruf zu betrachten. Es war einfach etwas, das ich konnte und gern machte.

Irgendwann stellte ich mir deshalb eine andere Frage:

Wofür möchte ich das, was ich kann, eigentlich einsetzen?

Die Fähigkeiten hatten sich dadurch nicht verändert. Mein Lebenslauf auch nicht. Ich hatte immer noch dieselben Erfahrungen, denselben Berufsabschluss und denselben Job. Nur die bisherige Frage war plötzlich nicht mehr selbstverständlich.

Vielleicht musste ich gar nicht zuerst herausfinden, welcher Beruf zu mir passt. Vielleicht musste ich genauer hinsehen, was ich mit meiner Arbeit eigentlich bewirken möchte.

Noch war nichts anders

Das Interessante an diesem Gedanken war, wie wenig unmittelbar danach passierte. Ich kündigte nicht am nächsten Morgen. Es erschien kein fertiger Plan. Ich wusste auch nicht plötzlich, ob sich mit dieser Idee jemals Geld verdienen lassen würde. Ich wusste nicht einmal, ob das, was ich in Gesprächen seit Jahren machte, vor einem Publikum funktionieren würde.

Die äußere Situation war dieselbe. Genau deshalb finde ich diesen Moment heute interessant.

Wir verbinden Veränderung oft mit sichtbaren Dingen. Eine Entscheidung wird getroffen. Eine Beziehung endet. Jemand kündigt, zieht um oder beginnt etwas Neues. Manchmal beginnt vorher etwas viel Kleineres.

Ein Gedanke, der bisher wie eine Tatsache wirkte, wird zu einer Möglichkeit unter mehreren. Mehr ist zunächst gar nicht passiert.

Als die alte Erklärung Konkurrenz bekam

Später meldete ich mich für ein Programm an, das sich an Menschen richtet, die auf die Bühne möchten. Dort erzählte ich zum ersten Mal öffentlich meine Geschichte. Der Vortrag wurde von der Jury ausgezeichnet.

Einige Wochen später entstand beim Grillfest unseres Tischtennisvereins wieder ein Gespräch über mein Thema. Je länger ich erzählte, desto ruhiger wurde es am Tisch. Eine der Frauen sagte schließlich, daraus solle ich unbedingt mehr machen.

Beides war für mich eine Bestätigung dafür, dass der Gedanke auch außerhalb meiner bisherigen Gespräche etwas auslösen konnte. Auch das war noch kein fertiger Beruf.

Aber meine alte Erklärung hatte inzwischen Konkurrenz bekommen.

Vielleicht bestand mein Problem gar nicht darin, dass ich den richtigen Beruf noch nicht gefunden hatte. Vielleicht hatte ich zu lange versucht, etwas in einer Berufsbezeichnung zu finden, das für mich an einer anderen Stelle lag.

Wenn aus einer Gewissheit eine Frage wird

Für genau diesen Augenblick benutze ich heute das Wort Kippmoment. Damit meine ich keinen dramatischen Wendepunkt, nach dem plötzlich alles anders läuft. Ein Kippmoment kann sehr leise sein.

Die Situation bleibt bestehen. Das Verhalten möglicherweise auch. Selbst die alte Erklärung verschwindet nicht. Sie verliert nur etwas von ihrer Selbstverständlichkeit.

Aus „So ist es“ wird vielleicht zum ersten Mal: „Ist das wirklich die einzige mögliche Erklärung?“

Das klingt nach wenig. Für eine Geschichte, die man sich selbst seit Jahren erzählt, kann es ziemlich viel sein. Denn solange eine Erklärung selbstverständlich ist, gibt es kaum einen Grund, nach einer anderen zu suchen. Erst wenn sie kurz wackelt, entsteht Platz.

Eine andere Sicht ist noch keine neue Entscheidung

Dass ich irgendwann anders über meine berufliche Suche dachte, machte daraus noch keine neue Arbeit. Der Schritt zur Umsetzung kam später. Im Januar 2026 begann ich, mein eigenes Konzept und meine Website aufzubauen. Seitdem beschäftige ich mich damit, aus dem, was vorher vor allem in Gesprächen stattfand, eine eigene Arbeit zu entwickeln.

Diese Schritte waren Entscheidungen. Der Kippmoment lag für mich davor. Er lag dort, wo eine Frage, die mich über Jahre begleitet hatte, ihre Alleinstellung verlor.

„Welchen Beruf möchte ich machen?“ war weiterhin eine vernünftige Frage. Sie war nur plötzlich nicht mehr die einzige.

Daneben stand eine zweite:

„Wofür möchte ich das, was ich kann, einsetzen?“

An diesem Punkt war mein Leben äußerlich noch fast dasselbe. Aber ich konnte es nicht mehr ganz auf dieselbe Weise betrachten.

Was vorher selbstverständlich war

Vielleicht beginnen manche Veränderungen genau so unspektakulär. Ein Mensch denkt jahrelang, er müsse alles alleine regeln. Irgendwann fragt er sich zum ersten Mal, ob das tatsächlich eine Eigenschaft ist oder vielleicht auch etwas, das er irgendwann gelernt hat.

Oder ein Mensch erzählt seine eigene Geschichte zum hundertsten Mal und bemerkt plötzlich eine Verbindung, die bei den neunundneunzig Malen vorher nicht da war.

Noch ist damit nichts gelöst. Vielleicht folgt später eine Entscheidung. Vielleicht bleibt es zunächst nur bei diesem Gedanken.

Ein Kippmoment verspricht nicht, was danach geschieht. Er bezeichnet für mich nur die Stelle, an der eine bisher feste Geschichte zum ersten Mal eine zweite mögliche Lesart bekommt.

Bei meiner beruflichen Suche brauchte es keinen neuen Lebenslauf, damit dieser Moment entstehen konnte. Es reichte, dass eine alte Frage plötzlich nicht mehr groß genug war.

Sebastian Theiler arbeitet mit Menschen und Organisationen dort, wo das Ungesagte Entscheidungen prägt.
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