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22. September 2026

Sichtreise

Sichtreise

An diesem Tag war ich mit dem Zustellfahrzeug auf einer schwierigen Tour unterwegs. Irgendwann roch ich etwas Verbranntes. Die Radnabe glühte bereits, das Fahrzeug musste stehen bleiben und die Pakete des Tages würden am nächsten Tag zusätzlich auf meiner Tour landen.

Ich kannte solche Tage. Etwas ging schief, man kümmerte sich darum und machte weiter. An diesem Abend kam ich nach Hause, setzte mich auf die Couch und fing an zu weinen. Ich wusste nicht warum.

Für mich begann die Geschichte an diesem Abend

Wenn ich damals nach einer Ursache gesucht hätte, wäre dieser Arbeitstag vermutlich der naheliegendste Kandidat gewesen. Die schwierige Tour, das kaputte Fahrzeug, die liegen gebliebenen Pakete und die Aussicht darauf, sie am nächsten Tag zusätzlich ausfahren zu müssen. Alles Dinge, über die man sich ärgern kann.

Trotzdem erklärte mir das meine eigene Reaktion nicht. Ich hatte schon vorher anstrengende Arbeitstage erlebt. Fahrzeuge waren kaputtgegangen, Touren waren schwierig gewesen und Probleme hatten sich selten danach gerichtet, ob sie gerade gut in den Tagesablauf passten.

Ich rief meine Mutter an und erzählte ihr, was passiert war. Sie sagte, sie habe das kommen sehen. Es sei kein Wunder. Dieser Satz irritierte mich. Für mich war an diesem Abend etwas passiert, das ich selbst nicht verstand. Für sie gehörte dieser Abend offenbar zu etwas, das schon länger lief.

Am nächsten Morgen sprach ich mit meinem Vorgesetzten. Danach ging ich zu meinem Hausarzt, der mich seit meiner Kindheit kannte. Auch er hatte schon länger bemerkt, dass etwas nicht stimmte, und riet mir, mir Hilfe zu holen.

Drei Menschen blickten auf dieselbe Situation. Ich hatte vor allem diesen Abend vor Augen. Meine Mutter und mein Hausarzt sahen zusätzlich eine Entwicklung, die ich selbst offenbar weniger deutlich wahrgenommen hatte.

Eine weitere Perspektive liefert noch keine Erklärung

Es wäre verlockend, daraus im Rückblick eine saubere Geschichte zu bauen. Wochenlang ging es bergab, alle anderen bemerkten es, nur ich nicht, und an diesem Abend brach alles zusammen.

So eindeutig kann ich es bis heute nicht erzählen. Ich weiß nicht genau, warum es ausgerechnet an diesem Abend passiert ist. Ich kann auch nicht sagen, welchen einzelnen Anteil die Arbeit, meine damalige Lebenssituation oder andere Dinge daran hatten. Die Reaktion meiner Mutter und meines Hausarztes gab mir deshalb keine fertige Antwort.

Sie veränderte etwas anderes: den Ausschnitt, den ich betrachtete. Solange ich nur auf diesen einen Tag schaute, musste dort auch die Erklärung liegen. Sobald ich einen Schritt zurückging, konnte der Arbeitstag Teil einer längeren Geschichte sein. Vielleicht war er Auslöser, vielleicht nur der Moment, an dem etwas sichtbar wurde. Mehr muss ich darüber bis heute nicht behaupten.

Für mich beginnt genau dort eine Sichtreise.

Der Standpunkt gehört zur Geschichte

Wir erleben unser Leben immer von einer bestimmten Position aus. Wir wissen, was wir gedacht, gesehen und wahrgenommen haben. Schon bei den Menschen, die neben uns stehen, kann der Ausschnitt ein anderer sein.

Das bedeutet nicht, dass eine Außenperspektive automatisch richtiger ist. Meine Mutter kannte Teile meiner Geschichte, die mein Hausarzt nicht kannte. Mein Hausarzt hatte mich über viele Jahre erlebt, aber natürlich nur in bestimmten Situationen. Und ich war der Einzige, der wusste, wie sich mein damaliger Alltag für mich anfühlte.

Erst nebeneinander wurden diese Perspektiven interessant. Wenn ich Menschen heute zuhöre, fällt mir genau das immer wieder auf. Jemand erzählt eine Geschichte, die er schon häufig erzählt hat, und an einer Stelle entsteht plötzlich eine Frage. Manchmal lautet sie sinngemäß: War das wirklich die ganze Geschichte? Wie hätte ein anderer Beteiligter diese Situation beschrieben? Was fehlt in dem Bild, das ich mir bisher davon gemacht habe?

Ich muss darauf keine Antwort haben. Oft genügt es, dass die Frage überhaupt auftaucht.

Die Fakten dürfen dieselben bleiben

Eine neue Perspektive braucht keine neue Vergangenheit. An jenem Abend saß ich auf der Couch und weinte. Das ändert sich nicht dadurch, dass meine Mutter vorher bereits etwas wahrgenommen hatte. Das Fahrzeug war kaputt, die Pakete blieben liegen und ich verstand meine eigene Reaktion nicht.

Nur die Bedeutung des Arbeitstages wurde für mich unsicherer. Vorher war er der naheliegende Mittelpunkt der Geschichte. Danach konnte er auch der letzte sichtbare Abschnitt einer längeren Entwicklung gewesen sein. Die zweite Sicht machte die erste nicht wertlos. Sie setzte etwas daneben.

Das ist für mich ein wichtiger Unterschied, weil wir bei einem Perspektivwechsel schnell glauben können, wir müssten unsere bisherige Sicht durch eine neue ersetzen. Dann wird aus einer festen Erklärung lediglich die nächste feste Erklärung.

Eine Sichtreise darf offener bleiben. Vielleicht war meine bisherige Einschätzung ziemlich genau. Vielleicht fehlt ihr ein Teil. Vielleicht gibt es zwei Blickwinkel, die gleichzeitig etwas Wahres über dieselbe Situation erzählen.

Verstehen heißt nicht, die Seite zu wechseln

Besonders deutlich wird das bei Geschichten, an denen andere Menschen beteiligt sind.

Ich kann versuchen zu verstehen, wie meine Mutter bestimmte Situationen erlebt hat, ohne ihre Sicht zu meiner eigenen zu machen. Ich kann mir ansehen, welche Geschichte Stephan selbst mitgebracht hat, und trotzdem bei meiner Erfahrung bleiben. Eine zusätzliche Perspektive nimmt niemandem Verantwortung und macht eine schwierige Situation rückwirkend auch nicht harmlos.

Sie kann das Bild vollständiger machen. Manchmal verändert sich dadurch der Blick auf einen anderen Menschen. Manchmal verändert sich eher der Blick auf die eigene Rolle. Und manchmal passiert überraschend wenig: Man betrachtet die Geschichte aus einer weiteren Richtung und kommt anschließend zu einem ähnlichen Ergebnis wie vorher.

Auch das ist ein mögliches Ergebnis. Der Sinn liegt für mich nicht darin, unbedingt eine neue Deutung zu finden. Interessant wird es dort, wo ich meiner bisherigen Deutung für einen Moment Konkurrenz erlaube.

Wir sehen schnell, was in unser Bild passt

Eine vertraute Geschichte hat einen Vorteil: Sie ist leicht zu erzählen. Wir wissen, wer darin welche Rolle hat. Wir kennen die entscheidenden Szenen und oft auch den Satz, mit dem wir erklären, weshalb etwas so gekommen ist. Mit den Jahren kann diese Ordnung so selbstverständlich werden, dass wir kaum noch bemerken, welche Teile bereits unsere Interpretation sind.

„So ist es passiert“ und „So verstehe ich heute, was passiert ist“ liegen dann sehr nah beieinander. Dabei können die Fakten unverändert bleiben, während ihre Einordnung beweglicher wird.

Genau das interessiert mich an Geschichten. Es geht nicht darum, Erinnerungen beliebig umzudeuten oder nach einer angenehmeren Version zu suchen. Manche Dinge waren schwierig. Manche Entscheidungen waren falsch. Manche Menschen haben Verantwortung getragen.

Trotzdem kann die Frage erlaubt sein, ob die bisherige Erklärung bereits alles umfasst, was wir über diese Geschichte wissen.

Warum ich das eine Sichtreise nenne

Der Begriff ist irgendwann aus genau dieser Denkweise entstanden. Eine Reise setzt Bewegung voraus. Dafür muss sich die Geschichte selbst keinen Zentimeter bewegen. Der Standort des Betrachters reicht.

Von einer anderen Stelle aus werden manche Dinge kleiner, andere treten deutlicher hervor. Etwas, das vorher hinter einem anderen Teil der Geschichte verborgen war, kann plötzlich sichtbar werden. Danach entscheidet der Mensch selbst, was er damit macht.

Es gibt dafür kein vorgeschriebenes Ziel. Eine Sichtreise soll nicht dafür sorgen, dass jemand seine Eltern anders bewertet, eine Beziehung neu deutet oder eine alte Entscheidung plötzlich gut findet. Sie verspricht auch keine Veränderung.

Sie schafft zunächst nur die Möglichkeit, dass die eigene Sicht nicht die einzige denkbare bleiben muss. Manchmal entsteht daraus ein neuer Gedanke. Manchmal eine bessere Frage. Vielleicht bestätigt sich nach genauerem Hinsehen sogar die alte Sicht.

Entscheidend ist für mich, dass dieses Ergebnis nicht vorher feststeht.

Der Abend bleibt derselbe

Nach dem Abend auf der Couch folgten eine Klinik, später eine Tagesklinik und eine Reha. Es begann eine längere Zeit, in der ich mich mit meinem Leben und meiner beruflichen Zukunft beschäftigen musste.

Ich könnte diesen Abend deshalb heute leicht zum großen Wendepunkt erklären. Er würde sich dafür dramaturgisch hervorragend eignen. Meine Erinnerung trägt diese Eindeutigkeit nicht.

Ich weiß, dass ich nach Hause kam und weinte. Ich weiß, dass ich den Grund dafür selbst nicht verstand. Ich weiß, was meine Mutter sagte und dass mein Hausarzt schon vorher etwas bemerkt hatte.

Mehrere Jahre später interessiert mich an dieser Geschichte deshalb weniger, welcher von uns damals den besten Blick darauf hatte. Interessanter ist, was erst durch die verschiedenen Blickrichtungen möglich wurde.

Ich musste meine eigene Wahrnehmung nicht wegwerfen. Ich konnte sie behalten und etwas danebenstellen.

Vielleicht beginnt eine Sichtreise genau an dieser Stelle: Die Geschichte bleibt, wie sie war. Nur der Platz, von dem aus wir sie betrachten, muss nicht für immer derselbe bleiben.

Sebastian Theiler arbeitet mit Menschen und Organisationen dort, wo das Ungesagte Entscheidungen prägt.
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