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20. Oktober 2026

Warum ich nicht sagen kann: „Ich habe vergeben“

Warum ich nicht sagen kann: „Ich habe vergeben“

Während meiner langen Krankheitszeit meldete sich eine Frau bei mir, deren Nummer ich nicht kannte. Es war die Frau meines Vaters Stephan. Meine Mutter hatte ihr erzählt, wie es mir ging, und sie fragte, ob wir uns einmal treffen könnten.

Ich sagte zu. Zu diesem Zeitpunkt war ich auf Stephan längst nicht mehr so wütend wie früher. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich das Thema irgendwann für mich abschließen wollte. Bei unserem Treffen fragte seine Frau deshalb irgendwann vorsichtig, ob sie ihn dazuholen dürfe.

So saßen Stephan und ich nach vielen Jahren wieder miteinander an einem Tisch, in einem Gasthaus in Schechen. Ich sagte ihm, dass ich nie wirklich Teil seines Lebens gewesen war. Er sah das anders. Er habe oft an mich gedacht, sagte er, und er wisse, dass er Fehler gemacht habe.

Damit war natürlich nicht plötzlich alles geklärt. Aber der Kontakt brach diesmal auch nicht gleich wieder ab. Ich lud Stephan später zu mir nach Hause ein und lernte auch meine beiden Halbgeschwister kennen. Irgendwann fragte Stephan sogar, ob er meinen Sohn kennenlernen könne – seinen Enkel.

Darüber habe ich mich gefreut. Für einen Moment hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass aus dieser Annäherung vielleicht noch etwas entstehen könnte.

Vielleicht geht da doch noch etwas

Das Treffen mit meinem Sohn sollte in den Ferien stattfinden. Zwei Wochen vorher sagte Stephan ab. Er schrieb, er habe Angst vor der Situation.

Ich habe ihm das damals nicht abgenommen. Was tatsächlich in ihm vorging, weiß ich bis heute nicht. Seine Begründung war seine. Meine Reaktion darauf war meine. Für mich war diese Absage irgendwann nicht mehr einfach ein Termin, der nicht zustande kam.

Ich musste meinem Sohn erklären, dass er seinen Großvater nun doch nicht kennenlernen würde. Vielleicht hat mich genau das stärker getroffen als alles, was Stephan mir selbst gegenüber getan oder nicht getan hatte.

Danach wurde es wieder stiller zwischen uns. Zu meinem nächsten Geburtstag kam nichts von ihm. Zwei Wochen später hatte er selbst Geburtstag, und ich schrieb ihm. Ich wünschte ihm alles Gute, sagte aber auch, dass ich im Gegensatz zu ihm den Geburtstag meines eigenen Kindes nicht vergesse.

In derselben Nachricht kündigte ich an, seine Nummer zu löschen. Von meiner Seite würde es keinen weiteren Kontakt geben.

Das Merkwürdige daran war: Ich war nicht wütend.

Ich war einfach fertig mit dem Thema.

Der Satz klingt stärker, als er für mich stimmt

Wenn ich diese Geschichte heute erzähle, könnte man das Ende sehr leicht mit einem bekannten Begriff versehen.

Vergebung.

Ich war nicht mehr wütend. Ich trug ihm nicht jeden einzelnen Moment meines Lebens ständig nach. Ich brauchte keinen weiteren Streit. Ich wollte keine Erklärung mehr erzwingen und keinen Kontakt mehr herstellen.

Trotzdem würde ich nicht sagen: Ich habe meinem Vater vergeben.

Vielleicht liegt das daran, dass dieses Wort für mich etwas behauptet, das ich so nicht empfinde. Es klingt nach einem inneren Vorgang, bei dem etwas aufgehoben, erlassen oder zumindest in einer bestimmten Weise abgeschlossen wurde. So würde ich meine Geschichte nicht beschreiben.

Ich habe irgendwann aufgehört, darauf zu warten, dass Stephan nachträglich der Vater wird, den ich als Kind gebraucht hätte. Ich habe aufgehört, von einem weiteren Gespräch eine Antwort zu erwarten, die die vergangenen Jahre noch in Ordnung bringen könnte.

Das fühlt sich für mich nach Frieden an. Mit Vergebung muss ich es deshalb trotzdem nicht benennen.

Verstehen hat daran etwas verändert

Mein Blick auf Stephan ist heute ein anderer als in meiner Jugend. Ich weiß mehr über seine eigene Geschichte. Ich weiß, dass er selbst als Heimkind aufgewachsen ist und aus einer Familie mit acht Geschwistern kam. Ich kann versuchen zu verstehen, was ein Mensch aus einer solchen Kindheit möglicherweise mitnimmt und was ihm später vielleicht schwerfällt.

Ich kann manches dadurch anders betrachten. Nur entsteht daraus für mich keine nachträgliche Entschuldigung.

Ein Kind kann verstehen, dass sein Vater selbst eine Geschichte hat. Es bleibt trotzdem das Kind, das erlebt hat, dass dieser Vater nicht da war. Beides darf nebeneinanderstehen.

Für mich war genau diese Trennung irgendwann wichtig. Verstehen musste nicht mehr bedeuten, dass ich am Ende zu einem freundlicheren Urteil kommen musste. Ich konnte einen größeren Zusammenhang sehen und trotzdem sagen, was in meiner eigenen Geschichte gefehlt hat.

Vielleicht wurde die Vergangenheit dadurch weniger eindeutig. Harmloser wurde sie nicht.

Eine Annäherung muss kein Happy End bekommen

Rückblickend bin ich froh, dass es dieses Treffen gegeben hat. Schon deshalb möchte ich die spätere Absage nicht benutzen, um die gesamte Annäherung für wertlos zu erklären. Wir haben miteinander gesprochen. Ich konnte ihm Dinge sagen, die lange zwischen uns gestanden hatten. Ich lernte meine Halbgeschwister kennen. Für eine gewisse Zeit gab es wieder Kontakt.

Das alles ist passiert. Ebenso passiert ist, dass ich diesen Kontakt später wieder beendet habe.

Die Versuchung besteht schnell darin, eine dieser beiden Phasen zur eigentlichen Wahrheit zu erklären. Entweder war die Annäherung ein Zeichen dafür, dass wir auf einem guten Weg waren. Oder der spätere Abbruch beweist rückwirkend, dass der Versuch sinnlos gewesen sei.

Für mich stimmt beides nicht. Die Annäherung war echt. Der Kontaktabbruch war es ebenfalls.

Manche Geschichten werden vielleicht gerade dann ehrlicher, wenn man ihnen dieses Nebeneinander lässt.

Frieden braucht für mich keinen gemeinsamen Schluss

Versöhnung ist ein schönes Ende für eine Geschichte, wenn sie tatsächlich stattfindet. Ich habe nichts gegen Vergebung. Ich zweifle auch niemandem ab, dass sie für ihn ein wichtiger oder befreiender Schritt sein kann.

Mich stört nur die Vorstellung, sie müsse am Ende stehen. Als wäre eine Vergangenheit erst dann ordentlich verarbeitet, wenn man einem Menschen vergeben, sich mit ihm ausgesprochen oder innerlich einen freundlichen Haken an die Sache gesetzt hat.

Mein Verhältnis zu Stephan hat so keinen Abschluss gefunden. Wir haben uns nicht versöhnt und danach einen Platz füreinander im Leben gefunden. Ich habe nicht irgendwann festgestellt, dass alles gut war. Auch seine eigene Geschichte hat meine nicht aufgehoben.

Irgendwann brauchte ich nur nichts mehr von ihm. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Kein weiteres Treffen. Auch keinen letzten Beweis dafür, dass ich ihm wichtig gewesen wäre.

Eine Grenze kann ebenfalls Ruhe bringen

Kontakt abzubrechen klingt zunächst nicht besonders friedlich. Es klingt eher nach Konflikt.

Bei mir war es in diesem Moment anders. Ich schrieb meine Nachricht, löschte die Nummer und damit war es von meiner Seite beendet. Dass ich dabei nicht wütend war, ist für mich bis heute ein entscheidendes Detail dieser Geschichte.

Die Grenze entstand nicht aus dem Wunsch, Stephan zu bestrafen. Ich wollte ihm nichts mehr beweisen. Ich wollte auch keinen letzten Streit gewinnen. Ich wollte den Kontakt nicht mehr.

Das war genug.

Vielleicht würde jemand anderes genau diesen Zustand Vergebung nennen. Dann wäre es sein Wort dafür. Meines ist es nicht.

Manche Wörter bringen ihre eigene Geschichte mit

Vielleicht liegt ein Teil der Schwierigkeit auch darin, dass Begriffe wie Vergebung, Versöhnung oder Loslassen schnell so wirken, als beschrieben sie einen klaren Endzustand. Dabei können Menschen an sehr unterschiedlichen Punkten Ruhe finden.

Der eine möchte ein letztes Gespräch. Ein anderer braucht Abstand. Jemand versteht irgendwann die Geschichte des anderen besser. Ein anderer entscheidet, dass er sie gar nicht mehr verstehen muss.

Daraus möchte ich keine allgemeine Regel machen. Ich kann nur meine eigene Geschichte ziemlich klar benennen.

Ich verstehe heute mehr als früher. Ich bin nicht mehr wütend auf meinen Vater. Ich muss ihn nicht zum schlechten Menschen erklären, um ernst zu nehmen, was gefehlt hat. Und ich brauche keinen Kontakt zu ihm, damit diese Ruhe bestehen bleibt.

Für mich ist das genug.

Die Vergangenheit braucht kein schöneres Ende

Es wäre leicht, aus unserer kurzen Annäherung noch eine rundere Geschichte zu bauen.

Vater und Sohn finden nach vielen Jahren wieder zusammen. Alte Verletzungen werden ausgesprochen. Verständnis entsteht. Am Ende steht Vergebung.

So ist es nicht gelaufen. Wir haben uns angenähert. Etwas später habe ich den Kontakt beendet. Beides gehört zu meiner Geschichte, ohne dass ich eines davon nachträglich umdeuten muss.

Vielleicht ist genau das der Frieden, den ich heute damit habe: Ich brauche kein anderes Ende mehr.

Und deshalb kann ich über Stephan sprechen, ohne ihn zu hassen, ohne ihn zu entschuldigen und ohne zu sagen:

Ich habe vergeben.

Sebastian Theiler arbeitet mit Menschen und Organisationen dort, wo das Ungesagte Entscheidungen prägt.
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