Ich war ungefähr 43 und wusste bereits, dass ich das Bayerische Rote Kreuz verlassen wollte, als ich auf das Auswahlverfahren zum Justizfachwirt stieß.
Jura hatte mich schon als Kind interessiert. Einer meiner frühesten Berufswünsche war Jurist gewesen. Der Gedanke, noch einmal in diese Richtung zu gehen, hatte deshalb sofort etwas. Ich meldete mich an.
Der Eignungstest fand im Kultur- und Kongresszentrum Rosenheim statt. Wie schon einige Jahre zuvor bei meiner IHK-Prüfung saß ich wieder zwischen vielen Menschen, die deutlich jünger waren als ich.
Ich bestand das Auswahlverfahren und bekam eine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch nach München.
Eigentlich eine ziemlich gute Antwort auf die Frage, ob dieser Weg für mich noch offen war.
Ich nahm den Termin trotzdem nicht wahr.
Ein Beruf, der erstaunlich gut gepasst hätte
Der Grund war ziemlich unspektakulär. Die Ausbildungsvergütung hätte in meiner damaligen Lebenssituation nicht ausgereicht, um meinen Lebensunterhalt und meine Wohnung zu finanzieren.
Damit war die Sache praktisch erledigt.
Ein bisschen schade fand ich es trotzdem. Der Bereich hätte mich gereizt, ebenso die fachlichen Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Justiz. Und natürlich tat es gut zu sehen, dass ich das Auswahlverfahren bestanden hatte.
Heute ist für mich an dieser Geschichte aber etwas anderes interessant.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon einen Berufsabschluss als Informatikkaufmann. Ich arbeitete als IT-Koordinator. Ich hatte in meinem Leben vorher schon eine ganze Reihe anderer Tätigkeiten ausgeübt. Trotzdem konnte ein weiterer Beruf auftauchen und sofort wieder diese alte Frage auslösen:
Könnte das meiner sein?
Diese Frage kannte ich sehr gut.
Ich hatte ziemlich viele Antworten
Als Kind wollte ich Jurist werden. Später hätte ich mir kaum etwas Spannenderes vorstellen können, als Motoren zu entwickeln. Technik und Autos haben mich immer interessiert.
Nach der Schule wollte ich eigentlich Bankkaufmann werden. Ich bewarb mich zu spät und begann stattdessen eine Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer, die ich nicht abschloss.
Danach kamen verschiedene Tätigkeiten, Bundeswehr, Jahre in Koblenz, später Paketzustellung. Mit fast vierzig machte ich die Umschulung zum Informatikkaufmann. Danach arbeitete ich beim Roten Kreuz als IT-Koordinator und wechselte später in den Vertrieb.
Wenn man diese Stationen hintereinanderstellt, sieht es leicht so aus, als hätte jemand sehr lange versucht, endlich den Beruf zu finden, der wirklich zu ihm passt.
So habe ich es selbst lange gesehen. Die Frage lautete immer wieder: Was will ich eigentlich machen?
Und ich hatte darauf erstaunlich viele brauchbare Antworten.
Das Problem war selten, dass mir gar nichts lag
Das wurde mir erst später klar.
Ich kann mich für ziemlich unterschiedliche Dinge begeistern. Technik interessiert mich. Ich arbeite gern mit Menschen. Ich kann mich in Probleme hineindenken und habe Spaß daran, Zusammenhänge zu verstehen. Ich mag es, wenn Prozesse nachher besser funktionieren als vorher.
Deshalb konnte auch mehr als ein Beruf zu mir passen.
IT war keine Fehlentscheidung. Die Umschulung war für mich enorm wichtig, und die Arbeit danach hat mir vieles ermöglicht. Auch der Vertrieb ist kein Beruf, bei dem ich jeden Morgen aufstehe und mich frage, wie ich hier bloß hineingeraten bin.
Genau das machte meine alte Frage irgendwann schwierig.
Wenn mehrere Antworten stimmen können, hilft es nur begrenzt, immer weiter nach der einen richtigen zu suchen.
Vielleicht lag die offene Stelle an einer anderen Stelle.
Irgendwann veränderte sich die Frage
Ich kann keinen einzelnen Tag nennen, an dem mir das plötzlich klar wurde.
Es gab keinen Morgen, an dem ich aufstand und dachte: So, ab heute frage ich etwas anderes.
Es war eher ein Prozess.
Irgendwann wurde die Frage „Welchen Beruf möchte ich eigentlich ausüben?“ für mich weniger interessant. An ihre Stelle trat langsam eine andere:
Wofür möchte ich das, was ich kann, eigentlich einsetzen?
Die Wörter liegen nicht besonders weit auseinander. Für mich veränderten sie trotzdem einiges.
Wenn ich nach einem Beruf fragte, landete ich schnell bei Berufsbezeichnungen. IT-Koordinator. Vertrieb. Justizfachwirt. Vielleicht irgendwann etwas völlig anderes.
Wenn ich danach fragte, wofür ich meine Fähigkeiten einsetzen möchte, musste ich zunächst gar keine Berufsbezeichnung kennen. Ich musste genauer hinsehen, was ich eigentlich gern tue und was davon für mich Bedeutung hat.
Die gleichen Fähigkeiten, ein anderer Zweck
Ich arbeite gern mit Menschen, höre ihnen zu und löse Probleme. Ich mag es, wenn ich Zusammenhänge sichtbar machen kann, die vorher durcheinanderlagen.
Das funktioniert auch in meinem heutigen Beruf.
Wenn bei einem Kunden Abläufe nicht passen, Anforderungen auseinandergehen oder eine technische Lösung gesucht wird, kann ich genau diese Fähigkeiten einsetzen. Ein neues Drucksystem kann einen Arbeitsalltag tatsächlich verbessern.
Daran ist nichts klein.
Gleichzeitig bemerkte ich über die Jahre, dass mich bestimmte Gespräche auf eine andere Weise beschäftigten. Gespräche, in denen jemand seine Geschichte erzählte und währenddessen selbst an einer Stelle hängen blieb. Wenn aus einer scheinbar klaren Erklärung plötzlich eine Frage wurde. Wenn zwei Dinge nebeneinanderlagen, die vorher nichts miteinander zu tun zu haben schienen.
Solche Gespräche führte ich immer wieder mit Kollegen, Freunden und Menschen in meinem Umfeld.
Und irgendwann entstand der Gedanke, dass genau darin vielleicht etwas liegt, dem ich mehr Raum geben möchte.
Aus einer neuen Frage wurde noch kein neuer Beruf
Auch das finde ich im Rückblick wichtig.
Die bessere Frage hat mir keine fertige Antwort geliefert.
Ich wusste dadurch nicht plötzlich, wie daraus eine Tätigkeit werden könnte. Ich wusste nicht, ob Menschen mich dafür buchen würden. Ich wusste nicht einmal, ob das, was ich in einzelnen Gesprächen erlebt hatte, vor einem Publikum funktionieren würde.
Der erste Schritt war deshalb ziemlich klein.
Ich meldete mich zu einem Programm für Menschen an, die auf die Bühne möchten, und erzählte dort öffentlich meine Geschichte. Mein Vortrag wurde von der Jury ausgezeichnet. Das war schön. Vor allem war es ein erster Hinweis darauf, dass die Sache nicht ausschließlich in meinem eigenen Kopf funktionierte.
Später, bei einem Grillfest meines Tischtennisvereins, erzählte ich in einer Runde mehr darüber, was mich an diesen Themen beschäftigte. Wieder merkte ich, wie sich ein Gespräch verändert, wenn Menschen beginnen, ihre eigenen Geschichten daneben zu legen.
Es entstand daraus kein fertiger Beruf.
Aber die Frage bekam langsam Konturen.
Vielleicht suchen wir manchmal zu früh nach einer Berufsbezeichnung
Berufsfragen sind praktisch.
Was willst du werden?
Was machst du beruflich?
Wo siehst du dich in ein paar Jahren?
Darauf lässt sich mit einem Wort oder einem Satz antworten. Eine Berufsbezeichnung schafft Ordnung. Sie sagt ungefähr, welche Aufgaben jemand übernimmt, in welchem Umfeld er arbeitet und womit er sein Geld verdient.
Die Frage nach dem Zweck der eigenen Fähigkeiten ist unhandlicher.
Vielleicht gibt es darauf mehrere Antworten. Vielleicht passt das, was jemand gut kann, in verschiedene Berufe. Vielleicht verändert sich der Ort, an dem diese Fähigkeiten sinnvoll eingesetzt werden können, im Laufe eines Lebens.
Bei mir war das jedenfalls so.
Dass mir IT lag, machte den Informatikkaufmann zu einer sinnvollen Entscheidung. Dass mich Jura interessierte, machte das bestandene Auswahlverfahren zum Justizfachwirt ebenfalls plausibel. Dass ich gern mit Menschen arbeite, passt zu meinem Vertrieb.
Keine dieser Antworten war falsch.
Sie beantworteten nur nicht vollständig, wonach ich irgendwann gesucht habe.
Die Frage benutze ich heute auch an anderer Stelle
Vielleicht interessiert mich deshalb bei Problemen oft zunächst die Frage hinter der Frage.
Jemand möchte eine Lösung. Mich interessiert, welches Problem damit eigentlich gelöst werden soll.
Jemand steht vor einer Entscheidung. Mich interessiert, welche Annahmen bereits darin stecken.
Jemand sagt sehr klar, woran etwas liegt. Mich interessiert manchmal genau der Teil, der in dieser Erklärung noch nicht vorkommt.
Das bedeutet nicht, dass hinter jeder Frage heimlich eine tiefere versteckt ist.
Manchmal braucht ein Mensch einfach einen neuen Drucker.
Aber ich habe bei meiner eigenen beruflichen Suche erlebt, wie lange man an einer Frage arbeiten kann, obwohl die Antworten gar nicht das eigentliche Problem sind.
Ich hatte Berufe, die zu mir passten.
Trotzdem suchte ich weiter.
Erst als sich die Frage veränderte, wurde für mich verständlicher, wonach ich eigentlich suchte.
Der Justizfachwirt ist trotzdem nicht die falsche Antwort
Manchmal frage ich mich, wie dieser Weg verlaufen wäre, wenn die finanzielle Situation damals eine andere gewesen wäre und ich zum Vorstellungsgespräch nach München gefahren wäre.
Vielleicht hätte ich die Ausbildung begonnen. Vielleicht würde ich heute bei einem Gericht oder einer Staatsanwaltschaft arbeiten. Vielleicht hätte mir die Tätigkeit sehr gut gefallen.
Ich weiß es nicht.
Ich muss diesen möglichen Weg auch nicht nachträglich kleinreden, damit mein heutiger größer wirkt.
Das bestandene Auswahlverfahren hat mir etwas gezeigt, das mir damals wichtig war: Dieser Weg wäre grundsätzlich möglich gewesen.
Nur war „möglich“ irgendwann nicht mehr dasselbe wie „danach suche ich“.
Vielleicht war der Beruf nie die eigentliche Frage
Ich arbeite heute weiterhin im Vertrieb.
Parallel baue ich etwas auf, für das ich lange keine vernünftige Berufsbezeichnung hatte. Ich spreche auf Bühnen, arbeite mit Geschichten und Perspektiven und beschäftige mich mit der Frage, was aus früheren Erfahrungen heute noch mitentscheidet.
Vielleicht wird sich auch dieser Weg noch verändern.
Das stört mich inzwischen weniger als früher.
Ich muss nicht mehr unbedingt den einen Beruf finden, dessen Bezeichnung endlich alles erklärt. Entscheidend ist für mich inzwischen stärker, ob ich das, was ich kann, für etwas einsetze, das mir sinnvoll erscheint.
Das ist keine allgemeine Antwort auf Berufsfragen.
Es ist nur die Antwort, die meine eigene Suche verändert hat.
Mehr als zwanzig Jahre lang konnte ich immer wieder fragen:
Was will ich eigentlich machen?
Heute interessiert mich eine andere Frage mehr:
Wofür will ich das einsetzen, was ich kann?