Über mich

Ein gerader Lebenslauf hätte mich vermutlich weniger gelehrt.

Ich kenne offene Fragen aus meiner eigenen Geschichte. Beruflich kenne ich sie aus Logistik, IT und Vertrieb. Heute verbinde ich diese Perspektiven in Gesprächen, in der Arbeit mit Organisationen und auf Bühnen.

Sebastian Theiler vor einer Berghütte
Woher mein Blick kommt

Früh Verantwortung tragen. Später lernen, Verantwortung anders zu verstehen.

Als Kind musste ich mich um Dinge kümmern, die eigentlich nicht in die Hände eines Kindes gehören. Meine Mutter schickte mich zur Bank, damit ich dort um Geld für Lebensmittel bettelte. Wenn Gerichtsvollzieher vor unserer Wohnung standen, öffnete ich die Tür und versuchte, die Situation zu regeln. Damals erschien mir vieles davon normal. Es war schließlich das Leben, das ich kannte.

So lernte ich früh, allein zurechtzukommen. Ich konnte mich anpassen, weitermachen und irgendwo wieder von vorne anfangen. Lange hielt ich das für Beweglichkeit. Erst später erkannte ich darin ein Muster: Wenn etwas schwierig wurde, entstand schnell die Hoffnung, dass es an einem anderen Ort leichter werden könnte.

Ich bin in meinem Leben über zwanzig Mal umgezogen. Die Orte wechselten. Manche Fragen kamen mit.

Meine Geschichte erklärt, warum mich heute die Frage interessiert, was hinter einer Entscheidung bereits mitwirkt.

Zwei Szenen

Zwischen Möglichkeit und Umkehr lagen drei Jahrzehnte.

1991

Mit dem Telefonbuch auf dem Schoß

Mit zehn Jahren wollte ich unbedingt aufs Gymnasium. Also nahm ich das Telefonbuch und rief selbst bei allen drei Gymnasien in Rosenheim an. Ich erkundigte mich nach den Schwerpunkten und danach, wie man sich anmeldet. Als ich erfuhr, dass dafür meine Mutter nötig war, bearbeitete ich sie so lange, bis sie am letzten möglichen Tag mit mir zum Finsterwalder-Gymnasium fuhr. Sie füllte den Anmeldebogen aus. Die Aufnahmeprüfung bestand ich.

Einige Jahre später war ich auf dem Gymnasium noch immer ein guter Schüler, wenn ich da war. Ich war nur zu oft nicht da. Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag musste ich auf die Hauptschule wechseln. Dort fiel mir der Stoff leicht. Den Abschluss machte ich sehr gut.

2021

Im Lichthof der IHK München

Fast dreißig Jahre später saß ich bei der IHK München in einem riesigen überdachten Lichthof. Um mich herum waren vor allem junge Menschen, die ihren beruflichen Weg gerade erst begannen. Ich war vierzig und vermutlich der älteste Prüfling im Raum.

Früher wäre mir das vielleicht unangenehm gewesen. An diesem Tag war mir das ziemlich egal. Ich saß dort, weil ich etwas zu Ende brachte, das lange offengeblieben war.

Ich schloss die Umschulung sehr gut ab. Entscheidend war für mich, dass ich zum ersten Mal einen Berufsabschluss hatte, für den ich mich selbst entschieden hatte. In derselben Lebensphase brachte ich auch meine finanziellen Altlasten in Ordnung.

Mit zehn Jahren hatte ich mir selbst eine Tür geöffnet. Als Jugendlicher hatte ich sie mir wieder zugeschlagen. Mit vierzig ging ich noch einmal hindurch.

Schwarzweiß-Portrait von Sebastian Theiler in den Bergen
Berufliche Innenperspektive

Ich kenne Organisationen aus Rollen, in denen Entscheidungen praktisch werden.

Rund fünfzehn Jahre arbeitete ich in der Logistik. Später kamen IT-Koordination und beratender B2B-Vertrieb hinzu. In meiner Rolle als erster IT-Koordinator am Standort Rosenheim des Bayerischen Roten Kreuzes hatte ich Berührungspunkte mit sehr unterschiedlichen Abteilungen, Berufsgruppen und Leitungsebenen.

In diesen Rollen habe ich erlebt, wie technische Fragen zu organisatorischen und kaufmännischen Entscheidungen werden. Geschäftsführung, IT, Verwaltung, Vertrieb und Anwender können über dasselbe Vorhaben sprechen und trotzdem unterschiedliche Bilder davon haben.

Mich interessiert dabei selten nur der sichtbare Konflikt. Ich möchte verstehen, welche Annahme, frühere Erfahrung oder fehlende Perspektive im Hintergrund wirkt. Daraus entstand die Verbindung zwischen meiner persönlichen Geschichte und meiner Arbeit mit Organisationen.

Logistik IT-Koordination B2B-Vertrieb Bühne und Dialog
Ein stiller Moment

Das Kranzhorn

Was vorher geschah

Mit meiner bestandenen Ausbildung und einer geregelten finanziellen Situation hätte man meinen können, jetzt sei alles gut.

Vieles, was mich jahrelang beschäftigt hatte, war geklärt. Von außen betrachtet gab es kaum noch offene Baustellen.

Doch genau in dieser Zeit holte mich etwas anderes mit voller Wucht ein.

Ich merkte, dass viele Fragen nie verschwunden waren. Sie waren nur lange von den täglichen Herausforderungen überdeckt worden. Solange es immer etwas zu regeln gab, blieb kaum Raum dafür. Erst als äußerlich Ruhe einkehrte, wurde spürbar, wie viel ich über Jahre aufgeschoben hatte.

Ich war damals an einem Tiefpunkt meines Lebens angekommen. Eine Trennung lag hinter mir. Ängste, Sorgen und viele offene Fragen bestimmten meinen Alltag. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Gleichzeitig war da eine Leere, die ich kaum beschreiben konnte.

Der Aufstieg

Warum auch immer entstand in dieser Zeit das starke Bedürfnis, auf einen Berg zu steigen. Ich konnte es nicht erklären. Es fühlte sich einfach so an, als müsste ich das tun. Meine Wahl fiel schließlich auf das Kranzhorn an der deutsch-österreichischen Grenze.

Der Aufstieg fiel mir schwer. Oben stehen zwei Gipfelkreuze nebeneinander, eines für Deutschland und eines für Österreich. Fast so, als hätten sich beide Länder nie einigen können, wem der Berg eigentlich gehört.

Als ich den Gipfel erreichte, war plötzlich alles still. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich nichts denken. Die Trennung war nicht da. Die Ängste waren nicht da. Die Sorgen waren nicht da. Es gab nur den Berg, die beiden Kreuze und eine Stille, die ich vorher so nicht gekannt hatte.

Es fühlte sich an, als hätte mich jemand jahrelang an den Schultern nach unten gedrückt und plötzlich losgelassen.

Nichts von dem, was mich beschäftigt hatte, war dadurch verschwunden. Aber für diesen einen Moment traf es keine Entscheidung mehr über das, was als Nächstes kam.

Die Vergangenheit hat ein Recht darauf, erklärt zu werden. Aber sie hat kein Recht darauf, Ihre Zukunft zu bestimmen.

Der Weg auf die Bühne

Aus vielen Gesprächen wurde irgendwann ein öffentlicher Gedanke.

Ich höre Menschen gern zu. Besonders aufmerksam werde ich, wenn jemand mitten im Erzählen selbst innehält und merkt, dass die bisherige Erklärung nicht mehr vollständig trägt.

Im Januar 2026 erzählte ich in Dresden zum ersten Mal öffentlich eine verdichtete Fassung meiner Geschichte. Der Vortrag wurde mit einem Excellence Award ausgezeichnet. Entscheidend war für mich die Reaktion der Menschen: Meine Geschichte schien sie einzuladen, über ihre eigene nachzudenken.

Seitdem entwickle ich Vorträge und Gesprächsformate rund um persönliche Geschichte, Bedeutung und Verantwortung. Meine Geschichte dient dabei als Zugang. Die Antwort bleibt bei dem Menschen, dessen Leben sie betrifft.

Was daraus geblieben ist

Vier Grundsätze, an denen ich meine Arbeit prüfe.

01

Erst verstehen

Bevor ich nach einer Lösung suche, möchte ich verstehen, wie eine Situation entstanden ist.

02

Die Frage prüfen

Eine präzise Frage kann hilfreicher sein als eine schnelle Antwort auf das falsche Problem.

03

Perspektiven verbinden

Ich versuche, verschiedene Sichtweisen zu verstehen, bevor ich eine Situation bewerte.

04

Verantwortung lassen

Ich gebe Orientierung und mache Zusammenhänge sichtbar. Entscheidungen bleiben bei den Menschen, die sie tragen.

Weitergehen

Der nächste Schritt

Meine Geschichte erklärt, warum ich heute so arbeite. Wie daraus Vorträge, Dialoge und die Zusammenarbeit mit Organisationen entstanden sind, zeigen die folgenden Seiten.