Was vorher geschah
Mit meiner bestandenen Ausbildung und einer geregelten finanziellen Situation hätte man meinen können, jetzt sei alles gut.
Vieles, was mich jahrelang beschäftigt hatte, war geklärt. Von außen betrachtet gab es kaum noch offene Baustellen.
Doch genau in dieser Zeit holte mich etwas anderes mit voller Wucht ein.
Ich merkte, dass viele Fragen nie verschwunden waren. Sie waren nur lange von den täglichen Herausforderungen überdeckt worden. Solange es immer etwas zu regeln gab, blieb kaum Raum dafür. Erst als äußerlich Ruhe einkehrte, wurde spürbar, wie viel ich über Jahre aufgeschoben hatte.
Ich war damals an einem Tiefpunkt meines Lebens angekommen. Eine Trennung lag hinter mir. Ängste, Sorgen und viele offene Fragen bestimmten meinen Alltag. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Gleichzeitig war da eine Leere, die ich kaum beschreiben konnte.
Der Aufstieg
Warum auch immer entstand in dieser Zeit das starke Bedürfnis, auf einen Berg zu steigen. Ich konnte es nicht erklären. Es fühlte sich einfach so an, als müsste ich das tun. Meine Wahl fiel schließlich auf das Kranzhorn an der deutsch-österreichischen Grenze.
Der Aufstieg fiel mir schwer. Oben stehen zwei Gipfelkreuze nebeneinander, eines für Deutschland und eines für Österreich. Fast so, als hätten sich beide Länder nie einigen können, wem der Berg eigentlich gehört.
Als ich den Gipfel erreichte, war plötzlich alles still. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich nichts denken. Die Trennung war nicht da. Die Ängste waren nicht da. Die Sorgen waren nicht da. Es gab nur den Berg, die beiden Kreuze und eine Stille, die ich vorher so nicht gekannt hatte.
Es fühlte sich an, als hätte mich jemand jahrelang an den Schultern nach unten gedrückt und plötzlich losgelassen.
Nichts von dem, was mich beschäftigt hatte, war dadurch verschwunden. Aber für diesen einen Moment traf es keine Entscheidung mehr über das, was als Nächstes kam.