Verstehen, bevor wir lösen
Ich möchte verstehen, wie ein Problem entstanden ist, bevor ich über Lösungen spreche.
Meine Geschichte ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit. Sie ist keine Schablone für das Leben anderer Menschen.
Mit zehn Jahren wollte ich unbedingt aufs Gymnasium. Meiner Mutter war nicht besonders wichtig, auf welche Schule ich ging. Also habe ich selbst bei allen drei Gymnasien in Rosenheim angerufen, mich nach den Schwerpunkten und dem Anmeldeverfahren erkundigt und sie so lange bearbeitet, bis sie am letzten möglichen Tag mit mir zur Anmeldung fuhr. Die Aufnahmeprüfung bestand ich.
Damals war ich ein Junge, der sich selbst eine Möglichkeit eröffnete.
Wenig später begann eine andere Wirklichkeit immer mehr Raum einzunehmen. Meine Mutter schickte mich fast jeden Monat zur selben Sparkassenfiliale, zum selben Mitarbeiter. Ich sollte dort um 50 Mark bitten, damit wir zu Hause noch Lebensmittel kaufen konnten. Irgendwann kannte Herr E. mich bereits, bevor ich ein Wort gesagt hatte.
„Herr E., könnten wir bitte noch irgendwie 50 Mark bekommen? Es sind noch fast zwei Wochen bis zum Ersten und wir haben nichts mehr zu essen im Kühlschrank.“
Manchmal gab er mir das Geld. Manchmal ging ich ohne wieder nach Hause.
Auf dem Gymnasium war ich ein guter Schüler, wenn ich da war. Ich war nur zu oft nicht da. Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag musste ich auf die Hauptschule wechseln. Die Möglichkeit, die ich mir einige Jahre zuvor selbst eröffnet hatte, hatte ich mir wieder genommen.
Danach begann ich eine Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer. Ich hatte mich selbst dafür entschieden, allerdings sehr spät und ohne lange zu überlegen. In der Berufsschule war ich gut. Auf der Baustelle merkte ich zunehmend, dass mir die Arbeit keinen Spaß machte. Dazu kamen die Differenzen mit meinem Meister. Nach anderthalb Jahren lösten wir den Ausbildungsvertrag im beiderseitigen Einvernehmen auf.
Dieses Aufhören und Weiterziehen wurde zu einem Muster. Eine andere Arbeit. Eine neue Wohnung. Eine andere Stadt. Ich bin über zwanzig Mal umgezogen. Jeder neue Anfang trug für eine Weile die Hoffnung in sich, dass es diesmal leichter werden könnte.
Vieles begann neu. Wesentliche Dinge blieben offen.
Meine fehlende Berufsausbildung gehörte dazu. Meine Schulden auch. Dazu kamen Beziehungen, die zerbrachen, die Trennung von meinem älteren Sohn und schließlich eine psychische Krise.
Mit ungefähr vierzig begann ich, mich um die offenen Dinge zu kümmern, die ich selbst regeln konnte. Ich ordnete meine finanzielle Situation und begann eine Umschulung.
Nach der erfolgreichen Umschulung hatte ich zum ersten Mal überhaupt einen Berufsabschluss – etwas, das viele Menschen bereits als junge Erwachsene haben. Auch meine Schulden waren geregelt.
Das machte meine Vergangenheit nicht ungeschehen. Es war aber das erste Mal, dass ich zwei Dinge, die mich über viele Jahre begleitet hatten, nicht wieder mit in den nächsten Neuanfang nahm.
Vor einigen Jahren stieg ich erstmals und allein auf das Kranzhorn. Der Aufstieg war für mich damals eine Qual. Ich war völlig außer Atem, meine Beine brannten, und jeder weitere Schritt fiel mir schwer.
Auf dem Gipfel stehen zwei Kreuze nebeneinander, eines für Deutschland und eines für Österreich. Fast so, als hätten sich beide Länder nie einigen können, wem der Berg eigentlich gehört.
Als ich oben ankam, war plötzlich nichts mehr da. Kein Gedanke. Keine Geschichte. Nur der Berg, die beiden Kreuze und eine Stille, die ich vorher so nicht gekannt hatte.
Es fühlte sich an, als hätte mich jemand jahrelang an den Schultern nach unten gedrückt und plötzlich losgelassen.
Meine Vergangenheit war dadurch nicht verschwunden. In diesem Moment traf sie nur gerade keine Entscheidung über meine Zukunft.
Die Vergangenheit hat ein Recht darauf, erklärt zu werden. Aber sie hat kein Recht darauf, Ihre Zukunft zu bestimmen.
Ich höre Menschen gern zu. Besonders aufmerksam werde ich, wenn jemand beim Erzählen selbst innehält und sagt: „So richtig verstanden habe ich das nie.“
Dann interessiert mich, welche Perspektive noch fehlt, welche Verbindung bislang nicht sichtbar war und ob wir überhaupt die richtige Frage stellen.
Ich kann Fragen stellen und Zusammenhänge sichtbar machen. Die Antwort muss am Ende die eigene sein.
Verstehen ist keine Lösung. Aber ohne Verstehen sucht man oft am falschen Ort.
Ich möchte verstehen, wie ein Problem entstanden ist, bevor ich über Lösungen spreche.
Ich prüfe, ob wir überhaupt die richtige Frage stellen.
Ich versuche, verschiedene Perspektiven zu verstehen, bevor ich urteile.
Ich gebe Orientierung, ohne Menschen ihre Entscheidung abzunehmen.
Meine persönliche Geschichte ist ein Teil meiner Arbeit. Der andere Teil stammt aus vielen Jahren in unterschiedlichen Organisationen.
Ich habe ungefähr fünfzehn Jahre in der Logistik gearbeitet, später im Vertrieb und in der IT. Nach meiner Umschulung war ich drei Jahre lang IT-Koordinator beim Bayerischen Roten Kreuz in Rosenheim.
Ich kenne Strukturen, Hierarchien und informelle Beziehungen nicht nur aus der Beobachtung von außen. Ich habe darin gearbeitet und erlebt, wie Entscheidungen tatsächlich entstehen, wie Verantwortung verteilt wird und welche Themen viele kennen, aber kaum jemand offen anspricht.
Im Januar 2026 erzählte ich in Dresden zum ersten Mal öffentlich eine verdichtete Fassung meiner Geschichte. Der Vortrag wurde von der Jury mit einem Excellence Award ausgezeichnet.
Die Formate unterscheiden sich im Rahmen. Die Haltung dahinter bleibt dieselbe.