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18. August 2026

Schuld und Verantwortung sind nicht dasselbe

Schuld und Verantwortung sind nicht dasselbe

Meine Mutter hatte mir Pfandflaschen und ein paar Mark mitgegeben. Ich sollte die Flaschen in der Stadt abgeben. Im Kaufhaus standen zwei Spielautomaten, und irgendwann wechselte ich das Geld in Kleingeld.

Ich verspielte alles. Stunde um Stunde, bis es draußen dunkel war. Die Pfandflaschen hatte ich noch dabei, als ich im Winter viel zu spät nach Hause kam.

Meine Mutter hatte am Balkon gestanden und auf mich gewartet. Sie war erleichtert, als ich endlich auftauchte. Ich war es damals kaum gewohnt, dass sich jemand solche Sorgen um mich machte, und wusste offenbar wenig damit anzufangen.

Sie fragte mich, wo ich gewesen sei.

Ich antwortete: „Das muss ich dir nicht erzählen.“

Was ein anderer Mensch in uns sehen kann

Was danach geschah, möchte ich auch heute nicht in allen Einzelheiten erzählen. Meine Mutter verlor die Kontrolle über sich. Am Ende versteckte ich mich in meinem Kleiderschrank, bis ein Bekannter unangekündigt vorbeikam und die Situation beendete.

Lange kannte ich diese Geschichte nur aus meiner Perspektive. Ich war ein Kind, hatte Mist gebaut und kam zu spät nach Hause. Meine Antwort war frech gewesen. Die Reaktion darauf war trotzdem weit größer als alles, womit ich gerechnet hatte.

Jahre später erzählte mir meine Mutter, was damals in ihr passiert war.

Sie habe in diesem Moment in mir das Grinsen von Stephan gesehen. Sie sei so sehr in diesem Bild gewesen, dass sie sich darin verloren habe.

Zum ersten Mal konnte ich dieselbe Szene aus einer anderen Richtung betrachten.

Meine Mutter hatte offenbar auf mehr reagiert als auf einen Jungen, der zu spät nach Hause kam und eine patzige Antwort gab. In diesem Moment war etwas aus ihrer eigenen Geschichte mit im Raum.

Das erklärte einiges.

Eine Erklärung verändert die Verantwortung nicht

Es wäre leicht gewesen, aus dieser Erklärung eine Entschuldigung zu machen. Meine Mutter hatte selbst viel erlebt. Sie war überfordert, arbeitete viel, hatte finanzielle Sorgen und ihre eigene schwierige Geschichte mit Stephan.

All das gehörte zu ihrem Leben.

Für das Kind im Kleiderschrank spielte es trotzdem kaum eine Rolle.

Eine Handlung kann verständlicher werden und zugleich falsch bleiben. Beides widerspricht sich nicht. Ich kann nachvollziehen, wie ein Mensch an einen bestimmten Punkt gekommen ist, ohne deshalb so zu tun, als hätte er dort keine Verantwortung mehr getragen.

Gerade in schwierigen Beziehungen verschwimmt diese Grenze schnell. Sobald wir beginnen, die Geschichte eines anderen Menschen zu verstehen, entsteht manchmal der Eindruck, wir müssten nun auch milder über alles urteilen, was geschehen ist.

Vielleicht müssen wir das gar nicht.

Verständnis kann genauer machen

Ich habe später viel über meine Mutter erfahren. Ich weiß, wie viel sie gearbeitet hat und wie wenig Geld trotzdem da war. Ich kenne einige ihrer eigenen Erfahrungen und weiß heute mehr darüber, wie überfordert sie in manchen Jahren gewesen sein muss.

Dadurch sehe ich heute einen anderen Menschen als damals.

Ich sehe eine Mutter, die vieles getragen hat und an manchen Stellen nicht mehr konnte. Gleichzeitig sehe ich ein Kind, das mit den Folgen davon leben musste.

Diese beiden Perspektiven müssen sich nicht gegenseitig widerlegen.

Vielleicht liegt genau darin ein Wert des Verstehens. Es zwingt uns nicht dazu, eine Seite aus der Geschichte zu streichen. Es kann dafür sorgen, dass mehrere Wahrheiten nebeneinander sichtbar werden.

Meine Mutter musste kein böser Mensch sein, damit ihre Reaktion falsch war.

Und ich musste aus ihr keinen bösen Menschen machen, um anerkennen zu dürfen, was mir passiert war.

Schuld sucht oft nach einer einfachen Antwort

Bei schwierigen Beziehungen wollen wir häufig irgendwann wissen, wer schuld war. Das kann eine wichtige Frage sein. Gerade dort, wo einem Kind etwas zugemutet wurde, hilft eine klare Einordnung dabei, Verantwortung nicht beim falschen Menschen abzuladen.

Die Frage wird schwieriger, wenn wir versuchen, mit einer einzigen Antwort eine ganze Beziehung zu erklären.

War meine Mutter schuld? An diesem Abend trug sie Verantwortung für ihr Verhalten. Gleichzeitig bestand ihr Leben aus weit mehr als diesem Abend. Sie hatte gearbeitet, versorgt, gekämpft und Dinge getragen, die ich als Kind kaum sehen konnte.

Dasselbe gilt umgekehrt. Mein Verhalten an diesem Tag war nicht besonders klug. Ich hatte das Geld verspielt, war stundenlang verschwunden und hatte auf ihre Sorge patzig reagiert. Dafür kann ich Verantwortung übernehmen.

Für das, was anschließend geschah, war ich als Kind trotzdem nicht verantwortlich.

Wer diese Ebenen vermischt, macht aus dem Fehler des einen schnell eine Rechtfertigung für die Reaktion des anderen. Oder aus dem Verständnis für eine schwierige Vergangenheit eine Entschuldigung für alles.

So verliert Verantwortung ihre Konturen.

Manchmal verändert sich eine Beziehung durch ein vollständigeres Bild

Viele Jahre später saß ich mit meiner Mutter und ihrer Therapeutin in einem gemeinsamen Gespräch. Zum ersten Mal sprachen wir beide darüber, wie diese Jahre für uns gewesen waren.

Meine Mutter weinte. Sie erzählte, was sie damals wahrgenommen hatte und wo ihre Grenzen gelegen hatten. Ich konnte meine Seite danebenstellen.

Danach habe ich ihr nichts mehr nachgetragen.

Für mich war das keine nachträgliche Feststellung, dass alles in Ordnung gewesen sei. Die Vergangenheit blieb dieselbe. Manche Dinge hätte ein Kind nie tragen müssen.

Verändert hatte sich mein Blick auf den Menschen, der sie verursacht hatte.

Ich konnte ihre Verantwortung dort lassen, wo sie hingehörte, ohne sie auf diesen Teil ihres Lebens zu reduzieren.

Das machte die Beziehung für mich klarer.

Vielleicht liegt die schwierige Stelle dazwischen

Manche Beziehungen lassen uns scheinbar nur zwei Möglichkeiten. Dann wirkt es, als müssten wir jemanden verurteilen oder entschuldigen, wütend bleiben oder alles vergeben, die eigene Verletzung ernst nehmen oder versuchen, den anderen zu verstehen.

Vielleicht entsteht die eigentliche Klarheit an einer weniger eindeutigen Stelle.

Ein Mensch kann uns verletzt haben und trotzdem eine Geschichte besitzen, die sein Verhalten verständlicher macht. Er kann überfordert oder an einer eigenen Grenze gewesen sein und trotzdem Verantwortung für sein Verhalten tragen.

Verstehen verändert dann nicht die Frage, ob etwas geschehen ist.

Es verändert die Frage, welche Geschichte wir über den Menschen erzählen, der es getan hat.

Bei meiner Mutter brauchte ich lange, um beides gleichzeitig sehen zu können: die Frau, die mich in manchen Situationen nicht geschützt hat, und den Menschen, dessen eigene Kräfte irgendwann kaum noch reichten.

Keine dieser beiden Perspektiven muss die andere auslöschen.

Vielleicht gibt es auch in Ihrer Geschichte einen Menschen, bei dem Verständnis bisher wie eine Entschuldigung wirken würde. Oder jemanden, den Sie nur dann verantwortlich machen können, wenn Sie seine Gründe möglichst weit von sich fernhalten.

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Was verändert sich, wenn ich versuche, diesen Menschen zu verstehen, ohne ihm seine Verantwortung abzunehmen?

Sebastian Theiler arbeitet mit Menschen und Organisationen dort, wo das Ungesagte Entscheidungen prägt.
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